celestial harmonies

 

Claude Debussy

Préludes Book 2            35'59"

 

 

Fryderyk Chopin

Mazurkas op. 59              10'33"

 

 

Johann Sebastian Bach

Partita № 6 E Minor

BWV 830                          36'24"

 

 

Total Time:                     81'30"

 

 

Der Klavierabend von Roger Woodward am 6. Januar 2007 war nicht nur ein denkwürdiges Highlight in der Historie der Radio Bremen-Konzertreihe Auf schwarzen und weißen Tasten, das Konzert hatte auch eine ganz besondere Vorgeschichte. Knapp ein Jahr vor seinem Live-Auftritt, genau am 18. Januar 2006, hatte der australische Pianist zum ersten Mal den Bremer Sendesaal betreten. Woodward war in die Hansestadt gekommen, um dort den Klavierzyklus Stundenbuch des Bremer Komponisten Hans Otte aufzunehmen. Der Australier—Professor an der San Francisco State University—übernahm mit dieser Produktion das Erbe des 2005 an einer langjährigen Krebserkrankung verstorbenen Bremer Pianisten Nikolaus Lahusen. Celestial Harmonies-Chef Eckart Rahn hatte mit Lahusen eine ganze Reihe von CD-Projekten realisiert und mit ihm viele weitere Platten geplant, unter andern eben auch Ottes Stundenbuch. Nach Rücksprache mit Lahusens Witwe Christine schlug Rahn mir schließlich Roger Woodward als „Ersatz“ vor – ein Künstler, den ich zwar namentlich kannte, doch von dem ich noch nie einen Ton gehört hatte. Das sollte sich im Januar 2006 ändern, denn nachdem Woodward Hans Ottes eindringlichen Klavierzyklus mit großer Begeisterung und Akribie einstudiert hatte, kam er bestens vorbereitet nach Bremen. Woodwards Begegnung mit dem Bremer Sendesaal und dem Bösendorfer 275 war eine Liebe auf den ersten Blick. Das wunderbare Instrument war in den späten 70er Jahren von Hans Otte persönlich ausgewählt worden. Otte war damals Musikchef bei Radio Bremen, und als hervorragender Pianist hatte er eine Vorliebe für die Instrumente aus Wien. Für Roger Woodward war sofort klar, dass er für seine Aufnahme den Bösendorfer wählen würde und keines der ebenfalls im Sendesaal vorhandenen anderen Instrumente. Woodward stellte das so dar: „When my hands touched the keyboard, they couldn't breathe“ – „Als meine Hände die Tastatur berührten, waren sie atemlos“. Nicht nur die spezielle Klangfarbe des Flügels schien dem Pianisten besonders geeignet für Ottes Musik, es gab auch eine fast metaphysische Beziehung zwischen Komponist, Instrument und Interpret. Während der Aufnahmetage telefonierte Woodward sogar einmal mit dem damals noch lebenden Komponisten (Hans Otte starb am 25. Dezember 2007), um einige Unklarheiten in der Partitur zu besprechen. Otte charakterisierte Woodward nach dem Hören der Produktion mit schlichten, aber bedeutungsvollen Worten: „Er ist sensibel, aber hat Kraft; ein genialer Musiker“. Die Aufnahmen im Januar 2006 waren ohne Probleme und zur Zufriedenheit aller Beteiligten abgelaufen. Am letzten Tag der Produktion waren alle Takes im Kasten, und der glückliche Woodward spielte im Bremer Sendesaal aus seinem riesigen Repertoire zum eigenen Vergnügen. Als er einige der Préludes von Claude Debussy anspielte, spitzte ich die Ohren. So einen Debussy hatte ich noch nie gehört: technisch überlegen, klanglich extrem vielseitig und offensichtlich geschult an der Moderne. Meine erste Reaktion war: „Als ich seinen Debussy hörte, war ich im Himmel“. Über Jahrzehnte war Roger Woodward die Ikone der neuen Klaviermusik, und er hat praktisch mit allen bedeutenden Komponisten der Gegenwart zusammen gearbeitet. Unter Woodwards Händen klang Debussy plötzlich nicht mehr wie schwindsüchtige Salonkunst, sondern bestürzend modern. Spontan fragte ich Woodward, ob er Lust habe, im Januar 2007 in der Radio Bremen-Klavierreihe Auf schwarzen und weißen Tasten aufzutreten. Begeistert sagte der Künstler zu, und wir vereinbarten das Konzert für den 6. Januar und eine CD-Produktion sämtlicher Debussy-Préludes in den drei Tagen nach seinem Live-Auftritt. Schon ein Jahr vor seinem Konzert wusste Woodward, welches Programm er spielen würde: Die Estampes und den zweiten Band der Préludes von Debussy, Frédéric Chopins Mazurken op. 59 und als krönenden Abschluss die Partita Nr. 6 in e-moll von Johann Sebastian Bach. Alle drei Komponisten gehören zu Roger Woodwards „Hausgöttern“, und bewusst hat er sich im Konzert gegen eine chronologische Reihenfolge der Stücke entschieden. Bach, nicht nur für Woodward der Allergrößte, sollte unbedingt am Schluss dieses Klavierabends stehen. Als ich Woodward am Tag vor seinem Konzert bei klirrender Kälte am Bremer Haupt-bahnhof abholte, schien der Künstler etwas unter jet lag und dem extremen Klima-wechsel zu leiden; immerhin war er direkt aus dem australischen Sommer mit 30° gekommen. Im vertrauten Konzertsaal aber fühlte sich der Pianist sofort wieder zu Hause und war begeistert vom Zustand des geliebten Bösendorfer-Flügels. Der war vom international tätigen Klaviertechniker Gerd Finkenstein aus Hannover für das Konzert vorbereitet worden und verfügte über noch prächtigere Klangfarben als ein Jahr zuvor. Während der Proben ging Woodward immer wieder singend durch den Sendesaal, um dessen ganz besondere Akustik zu testen und genießen. Der 1952 erbaute Saal mit seinen 270 Sitzplätzen strahlt im „Ruhezustand“ eine absolute, gleichwohl höchst lebendige und inspirierende Stille aus. Seit mehr als einem halben Jahrhundert haben an diesem magischen Ort prominente Musiker aller Genres gearbeitet. Das Spektrum reicht dabei von Nikolaus Harnoncourt über Keith Jarrett bis hin zu Alfred Brendel. Woodward spürte während seines Aufenthalts im Sendesaal die große Tradition des Raumes in buchstäblich jeder Ritze und bezeichnete ihn als einen „Shrine“, also als einen „Tempel“ der Musik. Seit 1990 findet in diesem Saal auch die Radio Bremen-Klavierreihe Auf schwarzen und weißen Tasten statt, in der mittlerweile ein Großteil der internationalen Pianistenszene aufgetreten ist – vom Nachwuchskünstler bis zum Weltstar. Roger Woodward war mit seinen damals 64 Jahren der bisher älteste „Debütant“ in dieser Konzertserie. Für das Organisationsteam der Reihe war es deshalb eine ganz besondere Ehre, den weltberühmten Künstler an diesem Ort begrüßen zu dürfen – eine lebende Legende des Klaviers zu Gast im Sendesaal! Kurz bevor Roger Woodward die Bühne des ausverkauften Sendesaals betrat, flüsterte er mir zu: „OK, hope I will be in form…“. Der Künstler war während der kommenden beiden Stunden in brillanter Form und fesselte sein Publikum von der ersten Sekunde an. Nach den einleitenden Estampes von Debussy (die auf dieser CD aus Zeitgründen nicht enthalten sind) spielte Woodward den zweiten Band der Préludes wie aus einem Guss. Eine gut halbstündige Reise in faszinierende Klangwelten mit einem Pianisten, der den schwarzen und weißen Tasten immer wieder die buntesten Farben entlockte. Im abschließenden Prélude Feux d'artifice nahm Woodward das Glissando kurz vor Schluss mit der zur Faust geschlossenen rechten Hand. Eine erschreckende Attacke mit einem entsprechenden klanglichen Ergebnis…Nach dem Konzert verriet mir der Pianist, dass er diese Technik von seinem Freund, dem verstorbenen Komponisten Iannis Xenakis gelernt habe. Nach der Pause folgten als Brücke zwischen Debussy und Bach die drei Mazurken op. 59 von Frédéric Chopin, von Woodward präsentiert mit federnder Rhythmik und intimem Klang. Hier war der Künstler ganz bei sich, denn er gehört zu den großen Chopin- Interpreten der Gegenwart. Lange Jahre seiner Ausbildung hat Woodward in Polen verbracht und wurde dort zum Kenner und Liebhaber von Chopins Musik. Der „Chopin-Papst“ Artur Rubinstein war begeistert von der Klavierkunst seines jüngeren Kollegen, auch und gerade von dessen Chopin-Spiel. Als Abschluss und Höhepunkt seines Bremer Recitals spielte Roger Woodward die Partita Nr. 6 in e-moll von Johann Sebastian Bach. Das siebensätzige Stück gehört zu Bachs bewegendsten Klavierwerken und wurde von Woodward mit größter Intensität, meditativer Versenkung und fein ziselierter Verzierungskunst dargeboten. Im Vergleich zu seiner kurz zuvor entstandenen Studioaufnahme des Werks, die mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet worden war, geht Woodward in dieser Live-Aufnahme an die Extreme. Die Sarabande dauert hier drei Minuten länger, da sich Woodward für eine Wiederholung des zweiten Teils entschied. Für die abschließende Gigue dagegen benötigt er sage und schreibe zwei Minuten weniger als im Studio. Das Adrenalin im Livekonzert wirkt als ganz legales musikalisches „Doping“ und führt zu erstaunlichen Ergebnissen – welch ein Glück für uns, dass die unwiederbringlichen und unvergesslichen Momente dieser Interpretation von den Mikrofonen im Sendesaal festgehalten wurden. Roger Woodwards Live-CD aus dem Bremer Sendesaal ist das Dokument großen, radikalen und kompromisslosen Klavierspiels. Hier spielt kein geföhnter und stromlinienförmiger Jungpianist, sondern ein Künstler mit der Erfahrung eines reichen Musikerlebens. Sicherlich kann man über Woodwards polarisierende Klavierkunst streiten, doch dass der Australier zu den bedeutenden Pianisten unserer Zeit gehört, steht außer Frage. Sein Bremer Klavierabend vom 6. Januar 2007 zeigt dies auf eindringliche Weise. Wilfried Schäper (Musikredaktion Radio Bremen)
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